Bevor der erste Ton von Brandan erklungen ist, haben wir in den Bibliotheken von Dublin, Madrid und Leipzig nach der ersten Lyrik in den nachlateinischen Sprachen Europas gesucht. Dabei sind wir auf literarische Kostbarkeiten gestoßen, aus denen die Welt des frühen und hohen Mittelalters mit
klarer Stimme spricht:
Noch allgemein bekannt dürften etwa die Merseburger Zaubersprüche sein, die ein krankes Pferd heilen oder Gefangene befreien sollen - Bekannter sind auch die Heldenepen aus der Edda, etwa um den Schmied
Wölund, der sich auf furchtbare Weise an seinem Herren rächt, oder auch die tragische Liebesgeschichte von Siegfried und Kriemhild aus dem Nibelungenlied.
Doch gibt es noch so viel mehr zu entdecken! Da sind kleine Naturgedichte, die irische Mönche fast verschämt an den Rand von kirchlichen Manuskripten gekritzelt haben: Oder altenglische Rätsel aus dem Exeterbook, in denen die Rätselobjekte mit eigener Stimme sprechen. Oder das Klagelied einer galizischen Dame, die die Wellen ihrer Heimatstadt befragt, ob sie ihren Liebsten gesehen haben:
"Se vistes meu amigo, por que hei gran cuidado? - Habt ihr meinen Freund gesehen, um den ich solche Sorge habe?"
Anmerkung: Die Links führen auf den
entsprechenden Eintrag im deutschsprachigen Wikipedia-Lexikon.